Kritik Silvan

«Ein Koffer voller Wüsche», so lautet der Titel des knapp dreihundertseitigen Romans vom Schweizer Autor Martin R. Dean. Ebenso wie viele seiner anderen Bücher wird auch «Ein Koffer voller Wünsche» vom Verlag Jung und Jung gedruckt und vertrieben.

Der Roman dreht sich um die Erlebnisse eines Mannes mittleren Alters. Sein Name ist Filip und er fühlt sich noch nicht reif genug, sesshaft zu werden. Im Kontrast zu diesem teils tollpatschigen und verunsicherten Protagonisten steht seine Lebensgefährtin. Maia ist selbstsicher, reif und hat Pläne für die Zukunft, von denen Filip noch gar nicht zu träumen wagt. So zieht es Filip nach London, wo er über sein Leben nachdenken will und sich eine Auszeit nehmen kann. Doch insgeheim hofft er, seinen Vater zu finden, den er nie kennenlernen durfte. Er weiss nur, dass sein Vater aus Indien stammt, nur sehr kurz mit seiner Mutter zusammen war und jetzt angeblich in London lebt. In der britischen Hauptstadt angekommen findet er auch schnell eine Arbeit, in einem Reisebüro, welches Reisen in die Schweiz verkauft. Das Buch erzählt von seinen Erlebnissen in London, seiner Arbeit, seiner Suche nach dem verlorenen Vater, aber auch von seiner Vergangenheit - von seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner ersten grossen Liebe, von der ersten Begegnung mit Maia. Es ist eine Reise ins Ungewisse: Das Ende der Reise ist zugleich der Beginn einer neuen Reise...

Die Geschichte ist von Kontrast und Gegensatz geprägt: Man betrachte nur die Protagonisten, man betrachte das Umfeld, in welchem sie sich bewegen, die Ziele, die sie verfolgen, und die Wünsche, die sie antreiben. Diese Gegensätze spiegeln sich auch im Ablauf der Geschichte wieder: Ausgerechnet Maia, die stets selbstsicher ist und die Kontrolle über ihr Leben hat, scheitert am Ende, als sie ihr Kind bei einem Unfall in den ihr vertrauten Bergen verliert. Der tollpatschige, teils unreife Filip hingegen findet die Nadel im Heuhaufen, beziehungsweise seinen Vater in London, während seine Vorgehensweise ihn eigentlich zum Scheitern verurteilt: Er jagt einem unbekannten Mann hinterher, der tot aus dem Fahrwerk eines Flugzeuges fiel. Dass dieser sein Vater sein könnte, ist angesichts der Tatsache, dass dieser in London lebt, sehr unwahrscheinlich. Ironischerweise führt ihn diese Jagd in das selbe Gebäude, in dem sein Vater ist, jedoch ohne dass er dies merkt. Doch gerade diese Ironie, diese Gegensätze halten die Geschichte am Leben, und das macht den Roman unheimlich spannend! Nicht nur der Inhalt macht das Buch unglaublich lesenswert, ich spürte auch die Leidenschaft und die Liebe, die Martin R. Dean in den Text gesteckt hat, so dass ich mit einer Leichtigkeit über die Worte fliegen konnte, wie ich es nur aus wenigen Büchern kenne - das Buch liest sich nahezu von selbst. Die einfache Sprache bringt wichtige, soziale Themen auf den Punkt und der ironische Humor bringt einen stets zum Schmunzeln.

Die Schwachstellen des Romans sind meiner Meinung nach die vielen Nebenfiguren und ihre Namen. Die Lehrer aus der Jugend, die Klassenkameraden, die Familie Gut Diesbach und ihre Bekannten - all das kann den Leser überfordern. Am Anfang hatte ich erhebliche Schwierigkeiten den Überblick zu behalten. Auch zum Vater von Filip hätte ich gerne mehr erfahren, bis zum Schluss blieb er in vieler Hinsicht ein Mythos - doch manchmal ist es auch besser, nicht jedes Geheimnis zu lüften, sondern den Leser im Dunkeln zu lassen.

Das Buch hat jedem etwas zu bieten. Ob man schlicht eine spannende Geschichte lesen will oder ob man sich gerne tiefer mit einem Thema befassen und darüber nachdenken möchte. Die einfache Sprache macht das Buch zu einer lockeren Lektüre, die leicht zu verstehen und angenehm zu lesen ist. Auch die detaillieten Beschreibungen der Charaktere und ihres Umfelds machen es leicht, sich die Geschichte bildlich vorzustellen, während dem Lesen hatte ich sofort Bilder des Reisebüros, der Wohnung in London oder des Anwesens der Gut Diesbachs im Kopf. Durch und durch ein lesenswerter Roman, der spannende Themen anspricht, einen unterhält und zum Nachdenken anregt.

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